Angelika Kauffmann Research Project
Angelika Kauffmann Research Project

Rezeption

Die folgenden Texte von Künstlerkollegen, Romreisenden, Auftraggebern oder Historiographen geben einen kleinen Einblick in die Rezeption zum Leben und Werk der Künstlerin.

Je mehr Angelika Kauffmann im Licht der Öffentlichkeit stand, desto mehr verfestigten sich Fehl- und Vorurteile über ihre Person und ihr Werk. Sowohl die Huldigungen, als auch die Verunglimpfungen zeigen im Laufe der Zeit eine zunehmende Verflachung und Typisierung. Im Widerspruch dazu steht eine gewisse Bandbreite von Modellen, in denen neben stereotypen Weiblichkeitsbildern auch christologische Argumentationsfiguren und genietheoretische Ideen eine Rolle spielen.

Kritik und Klischees

Die zeitgenössischen wie auch die posthumen Urteile über Kauffmann und ihre Kunst sind bis heute, anders als bei den männlichen Kollegen, von der Geschlechterfrage überschattetet und werden in erster Linie mit Weiblichkeitsklischees abgeglichen. Dabei wird ihre Arbeit selten als ein Ergebnis einer bewussten künstlerischen Konzeption ernst genommen.

Ihre Kunst gilt als emotionsgeleitetes, instinktives 'Spiel ihrer weiblichen Natur', so stellt  es z.B. der Straßburger Professor Hubert Janitschek dar:

"Nur wie ein Modekleid trug Angelika Kauffmann [...] das klassizistische Gewand. Sie war eine echte Frauennatur, etwas sentimental, etwas nervös, und so hat sie den von ihrem Freunde Winckelmann geforderten reinen Linie und Formen eine liebenswürdige, manchmal kokette, manchmal sentimentale Grazie zu geben gewusst.“

Hubert Janitschek: Geschichte der deutschen Malerei. Bd. 3 der Reihe Geschichte der Deutschen Kunst, Berlin 1890, S. 589f.

Schon in den frühesten Lexikonartikeln wird ihre Tätigkeit als geschlechtsbedingt interpretiert:

„Sie verstand die Antiken, verrieth aber in männlichen Figuren zu viel von ihrem Geschlechte.“

Johann Rudolf Füssli: Künstlerlexikon, 1. Suppl., 1767, S. 143ff., 3. Suppl. 1777, S. 106

“Allein zur Meisterschaft, zu welcher ihr Talent sie bei einseitiger Richtung und Ausbildung sicher geführt haben würde, konnte sie [Angelika Kauffmann] sich eben als Frau nicht erheben. Wir vermissen nach dem Urteile sach- und kunstverständiger Männer an ihren Gemälden häufig die streng korrekte Zeichnung, welche nur durch eine gründliche Erkenntnis der Anatomie des menschlichen Körpers d.h. durch ausdauernde Studien der Natur nach dem lebenden Modell zu erreichen ist. [...]“

H. Cassian: Angelica Kauffmann, in: Bündnerisches Monatsblatt, Nr. 1, Jan 1857, S. 15

1925 kritisierte Richard Hamann in seinem Überblickswerk „Die deutsche Malerei. Vom 18. bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts“ (Leipzig/Berlin 1952, S, 74) Kauffmanns „weibliche Unentschiedenheit“ und eine „gewisse Geschwätzigkeit, gegen die die sehr zurückhaltende feine Art Tischbeins wohltuend absticht“.

Verehrung und Idealisierung

John Flaxman (1755-1826)

„She was of her time and the time was made for her.“

Public Advertiser, London, 20. Januar 1767

„While fair Angelica, with matchless grace,
Paints Conway’s lovely form and Stanhope’s face,
Our hearts to beauty willing homage pay,
We praise, admire, and gaze our souls away;
But when the likeness she has done of thee,
O Reynolds! with astonishment we see;
Forced to submit, with all our pride we own
Such strength, such harmony excelled by none,
And thou art rivalled by thyself alone!”

An Address from Britannia to the celebrated Angelica
How justly praise thy pencil charming maid?
What wonderful effects from light and shade!
Such colouring was ne’er since Rubens shown,
And great Vandyke, has grace all thy own.
Proud man, no longer boast thy strength of mind,
And genius tow’ring, bove the female kind:
A tender maiden, in the noblest art,
Acts a sublime and well-supported part. [...]

Reynolds, with talents, and with candor blest,
Admires thy works: - Hail then, a pleasing guest.”

Gottlob Friedrich Ernst Graf Schönborn (1737-1819)

„Ein Kupferstecher hier, der fast nichts als ihre Gemälde sticht, sagte mir einmal, the whole world is angelicamad“. (Die ganze Welt ist verrückt nach Angelica)

Brief des dänischen Botschafters Gottlob Friedrich Ernst Graf Schönborn an den Schriftsteller Friedrich Gottlieb Klopstock, London, 19. Oktober  1781

George Keate ( 1729/30-1797)

1781 erscheint eine feierliche Ode auf die Künstlerin von ihrem Dichter-Freund George Keate in London. Anlass war ein Gespräch über ihren Gebrauch von Farben, die aus pflanzlichen Stoffen gewonnen wurden, welche in Ägypten für die Konservierung der Mumien Verwendung fanden.

„An
Epistle
to
Angelica Kauffman.

Through EUROPE’s Realms, when all the Strife
of human Labors ends with Life,
We render back, as is most just,
The perish’d Mortal to the Dust;
Whilst EGYPT’s Sons, with anxious Care,
Each potent Gum and Spice prepare,[...]

I see the pounded MUMMY laid,
To give the lost transparent Shade,
Warm the cold Tints, the dark one raise,
Or all the finish’d Picture glaze.

Yes, my ANGELICA, to you
this I devote, a Tribute due;
Who can misplac’d the Off’ring deem
To Her who hath inspir’d the Theme?
Justly to you it doth belong,
Worthy of ev’ry Poet’s Song! –
Th’ admiring Muses hover round
Where Genius such as yours is found; [...]“

George Keate: An Epistle to Angelica Kauffman, London 1781, S. 7, 11

Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)

„Den 15. Februar. [1787] Vor meiner Abreise nach Neapel konnte ich einer nochmaligen Vorlesung meiner „Iphigenia“ nicht entgehen. Madam Angelika und Hofrat Reiffenstein waren die Zuhörer, und selbst Herr Zucchi hatte darauf gedrungen, weil es der Wunsch seiner Gattin war; [...]. Die zarte Seele Angelika nahm das Stück mit unglaublicher Innigkeit auf; sie versprach mir, eine Zeichnung daraus aufzustellen, die ich zum Andenken besitzen sollte.“

Italienische Reise, Autobiographische Schriften, HA Bd. 11, S. 169, 24-19, 27-29  

„Neapel, den 13. März 1787 [...] Angelika hat aus meiner „Iphigenie“ ein Bild zu malen unternommen; der Gedanke ist sehr glücklich, und sie wird ihn trefflich ausführen. Den Moment, da sich Orest in der Nähe der Schwester und des Freundes wiederfindet. Das, was die drei Personen hintereinander sprechen, hat sie in eine gleichzeitige Gruppe gebracht und jene Worte in Gebärden verwandelt. Man sieht auch hieran, wie zart sie fühlt und wie sie sich zuzueignen weiß, was in ihr Fach gehört. Und es ist wirklich die Achse des Stücks.“

Italienische Reise, Autobiographische Schriften, HA Bd. 11, S. 205, 16-24. [Bildergalerie, Zeichnung]

„Sonntags, den 22. Juli [1787] [...] Mit Angelika ist es gar angenehm, Gemälde zu betrachten, da ihr Auge sehr gebildet und ihre mechanische Kunstkenntnis so groß ist. Dabei ist sie sehr für alles Schöne, Wahre, Zarte empfindlich und unglaublich bescheiden […] sie hat ein unglaubliches und als Weib ungeheures Talent. [...]“

Italienische Reise, Autobiographische Schriften, HA Bd. 11, S. 370, 29-33; S. 85, 14f.

 

 

„Den 28. August 1787. [...] Angelika malt jetzt ein Bild, das sehr glücken wird: die Mutter der Gracchen, wie sie einer Freundin, welche ihre Juwelen auskramt, ihre Kinder als die besten Schätze zeigt. Es ist eine natürliche und sehr glückliche Komposition."
Italienische Reise, Autobiographische Schriften, HA Bd. 11, 388, 17-21 [Bildergalerie, Gemälde]

„Rom, den 7. Dezember 1787. [...] Den Sonntag verbringen wir zusammen zu, und in der Woche sehe ich sie abends einmal. Sie arbeitet so viel und so gut, daß man gar keinen Begriff hat, wie's möglich ist, und glaubt doch immer, sie mache nichts.“

Italienische Reise, Autobiographische Schriften, HA Bd. 11, S. 444, 25-29

Johann Gottfried Herder (1744-1803) und Maria Caroline, geb. Flachsland (1750-1809)

Brief Herder an seine Frau Caroline, Rom, 3. Dez. 1788:
“[...] Die Angelika ist eine liebe Madonna; nur in sich gescheucht u. verblühet auf ihrem einzelnen schwachen Zweige. So ein ehrlicher Preuße Reifenst.[ein], u. so ein guter Venezia[ne]r ihr Zucchi sein mag, so stehet sie doch allein da ohne [Stü]tze u. Haltung [...].“

Johann Gottfried Herder: Italienische Reise. Briefe und Tagebuchaufzeichnungen 1788-1789, hrsg. u. komment. u. mit einem Nachwort v. Albert Meier u. Heide Hollmer, (2. Aufl.) München 2003, S. 253

Brief Herder an seine Frau Caroline, Rom, 22. April 1789:
„[...] Hier ist der Br.[ief] an Dich von der guten, guten Angelika; es ist ein Engel von einer Frau, die mir mit ihrer Güte alles siebenfach vergilt u. wegwischt, was mir andre ihres Geschlechts widriges getan hatten. Sie ist aber auch ganz u. gar nicht von dem gemeinen Geschlecht der Weiber, so wenig als Du es bist, wie ich Dir oft gesagt habe: sie ist an Tätigkeit ein Mann u. hat mehr getan, als 50. Männer in den Jahren tun können u. mögen; u. wirklich an reiner Herzensgüte ist sie wie ein überirdisches Wesen. [...]“

Johann Gottfried Herder: Italienische Reise. Briefe und Tagebuchaufzeichnungen 1788-1789, hrsg. u. komment. u. mit einem Nachwort v. Albert Meier u. Heide Hollmer, (2. Aufl.) München 2003, S. 434

Brief Herder an Friedrich Ludwig Wilhelm Meyer, Weimar, 7. Dez. 1789:
„[...] Durch Rat Reiffenstein müssen sie ja suchen, auch Mad. Angelika kennen zu lernen; sie ist was ihr Name sagt, die Hochachtungswürdigste Frau wie man es nur sein kann; mit dem Fleiß, dem Verstande u. Studium von funfzig Männerseelen haben ihr die Grazien alle zarten Blüte der Anmut, Einfalt u. Kunst ihres Geschlechtes beschieden; ihr Haus u. ihr Museum ist ein wahres Heiligtum der Musen, [...].“

Johann Gottfried Herder: Italienische Reise. Briefe und Tagebuchaufzeichnungen 1788-1789, hrsg. u. komment. u. mit einem Nachwort v. Albert Meier u. Heide Hollmer, (2. Aufl.) München 2003, S. 547

Brief Herder an seine Frau Caroline, Rom, 28. März 1789:
"[...] Was mich in diesen letzten Wochen auf eine sonderbare Weise, wenn ich so sagen darf, gereinigt u. veredelt  hat, ist der Angelika Freundschaft. O daß ich so viel Zeit in Rom verloren u. mich gequält habe, ohne diese zarte u. edle Seele, die so schüchtern u. zurückgezogen, wie eine himmlische Erscheinung ist, näher kennen zu lernen, [...] vielleicht die kultivierteste Frau in Europa. [...]"

Johann Gottfried Herder: Italienische Reise. Briefe und Tagebuchaufzeichnungen 1788-1789, hrsg. u. komment. u. mit einem Nachwort v. Albert Meier u. Heide Hollmer, (2. Aufl.) München 2003, S. 401

Friedrich von Matthisson (1761-1831)

Elysium
[...] Freudig schauernd, in der Fülle /
Hoher Götterseligkeit, /
Grüßt, entflohn der Erdenhülle, /
Psyche deine Dunkelheit [...]

Kniet voll süßer Ahnung nieder, /
Schöpfet, und ihr zitternd Bild /
Leuchtet aus dem Strome wieder /
Der der Menschheit Jammer stillt, /
Wie auf sanfter Meeresfläche /
Die entwölkte Luna schwimmt, /
oder im Krystall der Bäche /
Hespers goldne Fackel glimmt./

Psyche trinkt, und nicht ver­gebens! /
Plötzlich in der Fluten Grab /
Sinkt das Nacht­stück ihres Lebens /
Wie ein Traum­gesicht hinab. [...]“

Friedrich von Matthisson: Elysium, in: Friedrich Matthissons Gedichte, 4. Aufl., Zürich 1797, S. 37-41

Abb. 45 Johann Heinrich Lips, nach Angelika Kauffmann: Psyche, Radierung, Frontispiz, in: Friedrich Matthisson: Gedichte, 4. Aufl., Zürich 1797 ©

Friederike Brun, geb. Münter (1765-1835)

"[...] Du betratst diesen Tempel der weiblichen Kunst und sittlichen Grazie in derselben mit Ehrfurcht; und mit welcher Liebe empfing Dich Angelica!
Angelica ist, und wird für kommende Zeiten es bleiben, einzig in ihrer Art. Rein und scharf hat ihr richtiges Gefühl sich das für sie passende und Erreichbare in der Kunst, zu welcher die Natur sie so vielfach aufforderte, in Bildern und Tönen ausgewählt. Sie hat den Kreis ihrer Bestimmung ausgefüllt, und keine Vorgängerin kann ihr den Platz in der Kunstgeschichte streitig machen, den sie auf so geistvolle Weise einnahm.“

Friederike Brun: Besuch bei Angelica Kauffmann, in: Römisches Leben, Leipzig 1833, Bd. 2, S. 25-29

Empfohlene Zitation:
Bettina Baumgärtel: Angelika Kauffmann, Vita / Rezeption, in: angelica-kauffman.com; angelika-kauffmann.de 2013. Letzter Zugriff 21.11.2017