Angelika Kauffmann Research Project
Angelika Kauffmann Research Project

Biographie

Abb. 12 Selbstbildnis als Sängerin mit Notenblatt (Detail), um 1753, Innsbruck, Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, Inv. Nr. Gem 303 ©
Abb. 13 Selbstbildnis am Scheideweg zwischen Malerei und Musik (Detail), 1792, Moskau, Puschkin Museum ©
Abb. 14 Angelika Kauff­mann und Giuseppe Carlo Zucchi, nach Guido Reni: Hl. Petrus und hl. Paulus, (ehem. Casa Sampieri, Bologna), 1772, Radierung, Privatsammlung ©

Aufgewachsen als Einzelkind erhält Angelika Kauffmann eine für Frauen ungewöhnlich breitgefächerte Ausbildung. Ihre Doppelbegabung für Malerei und Musik wird frühzeitig von ihrem Vater Johann Joseph Kauffmann und ihrer Mutter Cleophea Lutz gefördert. Angelika Kauffmann hat eine schöne Singstimme (Sopran) und beherrscht schon in jungen Jahren vier Sprachen (Deutsch, Italienisch, Französisch, Englisch).

Im jugendlichen Alter ist sie als Porträtmalerin und als Sängerin in Österreich und Italien erfolgreich tätig (Abb. 12).

Nach dem frühen Tod ihrer Mutter in Mailand entscheidet sie sich, allein die Malerei zu ihrem Beruf zu machen. 40 Jahre später thematisiert sie diese Konfliktsituation im „Selbstbildnis am Scheideweg zwischen Malerei und Musik“ (Abb. 13).

Dem Ruf der Heimat Schwarzenberg folgend begleitet sie ihren Vater 1757 erstmals nach Vorarlberg. Während er die Deckenfresken der Heimatkirche fertigt, bemalt die 15-Jährige die Seitenwände mit Fresken der dreizehn Apostelbilder nach G. Piazzetta.

Die zweite Italienreise von ca. 1758/59 bis 1766 ist ganz ihrer Ausbildung gewidmet. Bis zur Erschöpfung arbeitet sie in den berühmten Sammlungen der Modena d’Este in Mailand, Sampieri in Bologna, Medici in Florenz, Borghese in Rom oder des Königs von Neapel. Sie setzt sich intensiv mit den Werken Alter Meister auseinander und kopiert im Auftrag englischer Grand Tour Reisenden. Schon damals knüpft sie wichtige Kontakte zu englischen Auftraggebern, die ihr später in London förderlich sind (Abb. 14).

Schon zu Beginn ihrer Karriere hat sie das anspruchsvolle Ziel vor Augen, in der nobelsten, den Frauen meist versagten Gattung der Historienmalerei, zu reüssieren. Dafür baute sie europaweit Netzwerke auf und knüpfte Kontakte zu reichen Grand Tour Reisenden aus England, Frankreich, Russland, Polen oder Deutschland.

Von 1762 bis 1779 entstehen insgesamt 41 eigenhändige Radierungen. Ihr langjähriger Freund Johann Friedrich Reiffenstein soll sie schon in Florenz in die Technik des Radierens eingewiesen haben.

1763-1765 setzt sie sich in der ewigen Stadt Rom mit der klassizistischen Kunsttheorie auseinander und folgt nun Johann Joachim Winckelmanns Leitsatz von „edler Einfalt und stiller Größe“. Sein Porträt im Typus des Gelehrtenbildnisses verschafft ihr den Durchbruch für ihre Karriere als Porträtmalerin (1764, Zürich Kunsthaus). Hier entstehen ihre ersten großformatigen Historienbilder, sie sind das Fundament für ihre Karriere als Historienmalerin.

Während ihres Aufenthalts in London von 1766 bis 1781 ist die junge geschäftstüchtige Malerin bald in aller Munde. Unter dem Protektorat der englischen Königin entstehen zwei großformatige Herrscherinnen-Bildnisse. [Bildergalerie]  Nun gehört es zum guten Ton der Adeligen in England, Schottland und Irland, sich von dem jungen Talent porträtieren zu lassen.

Abb. 15 Johann Zoffany: Die Mitglieder der Royal Academy in London, 1771- 1772, The Royal Collection, Her Majesty Queen Elizabeth II., London ©

Bereits im Alter von 21 Jahren wird sie erstmals zum Mitglied der Kunstakademie von Bologna, später von Florenz, Rom und Venedig ernannt. 1768 ist sie sogar eines der 22 Gründungsmitglieder der von Joshua Reynolds geleiteten Royal Academy und bleibt neben der Stilllebenmalerin Mary Moser (1744-1819) für die nächsten 200 Jahre das einzige weibliche Mitglied (Abb. 15).

In der englischen Metropole malt sie neben wegweisenden Historien zahlreiche graziöse Szenen meist nach antiken und literarischen Vorlagen von Homer, Vergil oder Tasso. Als verkaufsträchtig erweisen sich kleinformatige Stimmungsbilder zum Thema der liebenden und verlassenen Frau wie Ariadne, Kalypso oder „Die Irre Marie“ zu Laurence Sternes Bestseller. Mit solchen graziös-gefühlvollen Szenen wurde die Künstlerin zu einer der Wegbereiterinnen der Empfindsamkeit und selbst zum Inbegriff des neuen sentimentalen Frauenideals einer „schönen Seele“.

In London wird sie als führende Künstlerin des Klassizismus einer international vernetzten Künstlerszene gefeiert, hier gelangt sie zu Ruhm und Wohlstand, nicht zuletzt weil zahlreiche Stecher nach ihren Gemälden dekorative Punktierstiche in hohen Auflagen weltweit verbreiten. Zum höchsten Grad der Vollendung in der Technik der Punktier- und Crayon-Manier bringen es William W. Ryland und  Francesco Bartolozzi, die in London zahlreiche dieser „stipple-engravings“ in Rot oder Braun nach ihren Werken fertigen. Sie finden auch in weniger betuchten Kreisen reißend Absatz.

Diese Reproduktionsstiche dienen zahlreichen jungen Künstlern und Kunsthandwerkern als Kopiervorlagen. So nimmt eine Modewelle à la Kauffmann in ganz Europa seinen Lauf und trägt wesentlich zu ihrer Popularität bei [Reproduktionsgraphik].

Der ehrenvolle Auftrag der Royal Academy, für das Somerset House vier Deckengemälde zu malen (1780, Erfindung Komposition, Zeichnung, Farbe), stellt einen Höhepunkt in ihrer Karriere dar [Bildergalerie].

Als sie im Sommer 1771 einer Einladung nach Irland folgt, zieht dies zahlreiche Aufträge der besten Sammleradressen Irlands nach sich.

Abb. 16 Ehevertrag Kauff­mann-Zucchi, 10. Juli 1781, Detail ©
Abb. 17 Giovanni P. Pannini: Die Spanische Treppe in Rom, um 1730, Kreidezeichnung ©
Abb. 18 Selbstbildnis, 1787, Florenz, Uffizien ©
Abb. 19 Elisabeth Vigée-Lebrun: Selbstbildnis, 1790, Florenz, Uffizien ©
Abb. 20 Johann Heinrich Lips, nach Angelika Kauff­mann: Die Muse der Komödie und Tragödie huldigen Goethe, Radierung, in: Goethes Schriften, 1789, Bd. 8 ©
Abb. 21 Selbstbildnis im Alter, um 1802, Privatsammlung ©
Abb. 22 Johann Peter Kauffmann: Bildnis Angelika Kauffmann, Marmorbüste, 1808, Rom, Protomoteca Capitolina ©

Nachdem Kauffmann zu Beginn ihrer Londoner Zeit von einem Heiratsschwindler hintergangen wurde, lässt sie sich erst wieder mit 39 Jahren auf eine neue Heirat ein. Vorsorglich schließt sie mit dem venezianischen Vedutenmaler Antonio Zucchi einen Ehevertrag, der ihr die freie Verfügung über Ihre Einkünfte sichert (Abb. 16).

1781 verlässt sie mit ihrem Vater und ihrem Ehemann London, um sich endgültig in ihrer Wahlheimat Rom niederzulassen. Während des Zwischenaufenthalts in Venedig verstirbt ihr Vater.

1782 eröffnet Angelika Kauffmann ein renommiertes Atelier an der Spanischen Treppe und baut sich einen internationalen Auftraggeberkreis auf. Wie schon in London führt Kauffmann einen Salon, in dem sich die geistige Elite des 18. Jahrhunderts trifft, darunter Johann Wolfgang von Goethe oder Johann Gottfried Herder. Zu ihren Auftraggebern zählt ein illustrer Kreis von Hocharistokraten Europas, der Zar von Russland, Paul I., die Könige von Neapel, von Polen oder der Kaiser von Österreich, Joseph II., ebenso kirchliche Würdenträger, darunter auch Papst Pius VI., aber auch Sammler und Vermittler aus Kreisen der Diplomatie, des Handels und der Banken, darunter der französische Gesandte beim Vatikan, François Pierre de Bernis und sein englischer Gegenspieler, der Diplomat und Cicerone Thomas Jenkins (Abb. 17).

Kauffmann pflegt Freundschaften mit erstrangigen Wissenschaftlern, Literaten und bildenden Künstlern und Künstlerinnen wie den Dichtern Salomon Gessner und Friedrich Gottlieb Klopstock, dem Geologen Déodet de Dolomieu und dem Mediziner Auguste Tissot, mit Dichterinnen wie Friederike Brun [Rezeption] und Fortunata Sulgher Fantastici und Malerinnen wie Elisabeth Vigée-Lebrun (Abb. 18, 19).

1784 vollendet sie ihr größtes Porträtwerk, das Bildnis der Königlichen Familie von Neapel und beider Sizilien, im Auftrag von Ferdinand IV. und seiner Gemahlin Königin Maria Karoline von Österreich, die Kauffmann vergebens drängt, ihre Hofmalerin zu werden [Bildergalerie].

Lange vor Ausbruch der Französischen Revolution malt Kauffmann eine Vielzahl von großformatigen Historien, in denen sie sich mit den Bürgertugenden der römischen Republik beschäftigt. Zahlreiche Frauenfiguren aus der Geschichte und Literatur wie „Cornelia, die Mutter der Gracchen“ [Bildergalerie], stellt sie in ihren Bildern als neue Heldinnen in den Mittelpunkt und prägt so das neue Weiblichkeitsideal der Aufklärung.

      

1787 kommt Johann Wolfgang von Goethe nach Rom. Sie entwickelt zu ihm eine vertrauensvolle Freundschaft, aber keine Liebesbeziehung. Ihm folgt Anna Amalia von Sachsen-Weimar-Eisenach in Begleitung von Johann Gottfried Herder. [Rezeption] Kauffmann porträtiert alle drei und zählt bald zu den engsten Vertrauten des Goethekreises (Abb. 20).

Schon zu Lebzeiten sorgen Biographen für ihren Nachruhm, 1788 vollendet der Kupferstecher Giuseppe Carlo Zucchi, Bruder ihres Ehegatten, den ersten Teil einer Biographie über seine berühmte Schwägerin.

1798, als französische Truppen Rom besetzten, blieb Kauffmanns Atelier zwar von Plünderungen erschont, aber nicht vor der Entwertung ihres Vermögens.

1802 hält sie sich zur Genesung in Como auf (Abb. 21).

1805 folgt ein letzter großer Porträtauftrag vom Kronprinzen Ludwig I. von Bayern (München, Neue Pinakothek). Religiöse Themen gewinnen in ihrem Spätwerk die Oberhand.

Als die Künstlerin im am 5. November 1807 im Alter von 66 Jahren verstirbt, hinterlässt sie ein umfangreiches Œuvre von mehr als 800 Werken, eine reiche Kunst- und Büchersammlung und ein großes Vermögen. Über 1000 Nachstiche, zahllose Kopien, Nachfolgewerke und Fälschungen, eine Flut von Publikationen über ihr Leben und Werk bezeugen ihre bis heute nicht nachlassende Popularität.

Ihre Beisetzung in der römischen Kirche S. Andrea delle Fratte ist die feierlichste seit dem Begräbnis des großen Raffael. Eine Menschenmenge gibt ihr ein ehrenvolles Geleit, Professoren der Akademie, darunter ihr Freund Antonio Canova, tragen ihren Sarg, begleitet von ihren letzten Historiengemälden.

Die von ihrem Vetter Johann Peter Kaufmann gefertigte Büste wird im Pantheon neben der Büste Raffaels aufgestellt (Abb. 22).

Als Künstlerin des 18. Jahrhunderts hatte Angelika Kauffmann eine mühselige Wegstrecke der Emanzipation vor sich. Auch wenn sie keineswegs kämpferisch, sondern eher mit leiser Beharrlichkeit und klugem Kalkül vorging, zählt sie doch ohne Zweifel zu den Vorkämpferinnen auch für heutige Künstlerinnen.

Trotz ihres erstaunlichen Werdegangs hin zu einer Künstlerin mit dem Selbstverständnis einer weltoffenen, gebildeten Europäerin und dem Durchsetzungsvermögen einer Geschäftsfrau in der Männerwelt, fühlte sich Angelika Kauffmann dennoch zeitlebens der dörflichen Heimat ihres Vaters verbunden. Auch in ihrem Testament zeigte sich die tiefreligiöse Künstlerin großzügig in der Unterstützung der bis nach Luzern verzweigten Familie Kauffmann und verfügte die Gründung einer wohltätigen Stiftung.

Empfohlene Zitation:
Bettina Baumgärtel: Angelika Kauffmann, Vita / Biographie, in: angelica-kauffman.com; angelika-kauffmann.de 2013. Letzter Zugriff 20.11.2017